Erste Ergebnisse der Befahrung des Schulradwegenetz und weiterer Nebenstraßen
Radverkehrsförderung braucht Daten. Der Radentscheid Darmstadt und die Initiative Darmstadt fährt Rad sammeln und analysieren seit 2017 kontinuierlich Daten zum Zustand des Darmstädter Radverkehrsnetzes. Der Schwerpunkt lag bisher vor allem auf Radverkehrsanlagen an Hauptstraßen. Die bisherigen Ergebnisse sind öffentlich zugänglich und im Radverkehrsatlas Darmstadt abrufbar.

Im Frühjahr 2025 meldeten sich rund 50 Freiwillige, um auf Initiative mehrerer Verbände – darunter
Darmstadt fährt Rad, der ADFC Darmstadt-Dieburg, FUSS e.V. Darmstadt, der Radentscheid Darmstadt, die Interessengemeinschaft Heinrichstraße sowie der VCD Darmstadt-Dieburg – an einer groß angelegten Befahrung teilzunehmen. Ziel war es, Fuß- und Radrouten systematisch zu analysieren. Bei dieser Befahrung wurde mithilfe einer eigens entwickelten App die Qualität von Geh- und Radwegen erfasst und anschließend tabellarisch ausgewertet. Inzwischen liegen erste Ergebnisse dieser Analyse vor.
Erfasste Qualitätsparameter
Bei der Datenerhebung wurden unter anderem folgende Merkmale dokumentiert:
- Breite von Fahrbahnen, Gehwegen und Radverkehrsanlagen
- Nutzbare Breiten von Gehwegen (Einschränkung durch Gehwegparken)
- Oberflächenqualität
- Vorhandensein, Art und Dichte des ruhenden Verkehrs (Parken)
- Sonstiges (Situationen an Kreuzungen, Querungsmöglichkeiten, etc.)
Umfang der Untersuchung
Insgesamt wurden über 200 km Straßen erfasst – das entspricht mehr als 400 km Streckenlänge, da beide Straßenseiten berücksichtigt wurden. Die Untersuchung umfasste sowohl das Haupt- als auch das Nebennetz. Grundlage der Befahrung war das gesamte hessische Schulradroutennetz innerhalb der Darmstädter Gemarkung. Ergänzt wurde es um Strecken des Grundschul-Fußwegenetzes sowie um weitere Nebenstraßen. Insgesamt entstanden rund 1.080 Datensätze, die geordnet und bewertet wurden. Alle befahrenen Strecken sind im Radverkehrsatlas zu finden. Auf Basis dieser Daten sollen in den kommenden Schritten vertiefende Auswertungen veröffentlicht werden. Auch konkrete Handlungsempfehlungen zur Verbesserung des Wege- und Verkehrsnetzes sind geplant.
Zentrales Ergebnis: Massives Problem mit Gehwegparken
Bereits jetzt zeigen die Ergebnisse ein gravierendes Problem: Illegales Parken auf Gehwegen und in Kreuzungsbereichen. Insbesondere tritt dies ausgerechnet auf Strecken auf, die als Schulwege ausgewiesen sind. Dieses weit verbreitete Verhalten führt dazu, dass sich Fußgänger*innen auf Gehwegen nicht sicher bewegen können – obwohl diese laut Straßenverkehrsordnung ausdrücklich als Schutzzonen für den Fußverkehr vorgesehen sind. Das Parken oder Halten auf Gehwegen ist grundsätzlich verboten. Hinzu kommt, dass dieses Verhalten über viele Jahre hinweg in
großem Umfang von den zuständigen Behörden geduldet wurde.
Die Untersuchung zeigt außerdem: Auf rund 10 Kilometern Strecke (13 %) mit beidseitigem regelwidrigem Parken müsste kein einziger Parkplatz entfallen, wenn Fahrzeuge, die derzeit auf Gehwegen parken, stattdessen auf der Fahrbahn abgestellt würden. In Straßen mit einseitigem regelwidrigem Parkverkehr betrifft dies sogar 26 Kilometer (34 %). In beiden Fällen wäre die „Restfahrbahn“ ausreichend breit, den motorisierten Verkehr aufzunehmen. Die Analyse bietet der Stadt Darmstadt also eine solide Grundlage für Korrekturmaßnahmen.
Die Ergebnisse dieser Analyse bestätigen die Erkenntnisse der kürzlich veröffentlichen Online-Befragung zum Gehwegparken des Verkehrsclub Deutschland (VCD).
Ergebnisse
Straßenart
Befahren wurden 1080 Streckenabschnitte auf einer Straßenlänge von über 200 km. Dabei wurden über 400 km Straßenseiten aufgenommen. Davon sind 6,5 km Einbahnstraßen, die zu ca. 1/3 fürs Fahrrad in Gegenrichtung freigegeben sind.

Tempolimits
Das befahrene Streckennetz befindet sich vorwiegend auf Nebenstraßen mit einer zulässigen Höchstgeschwindigkeitsbeschränkung von 30 km/h (55 %). Auf 26 % darf schneller als 40 km/h gefahren werden. 19 % der Strecken sind Abschnitte (fast) ohne Kfz (Waldwege, Fußgängerzonen, Parkanlagen).

Verkehrszeichen
(Anordnungen)
Gemeinsame Führungen von Fuß- und Radverkehr begünstigen Unfälle. Es ist hervorzuheben, dass an ca. 15 % aller Strecken diese Führungsformen angeordnet ist: Dies entspricht ca. 60 km, auf denen
entweder „gemeinsamer Geh- und Radweg“ (VZ 240) und „Gehweg mit Zusatzzeichen für Radverkehr freigegeben“ (VZ 239 mit ZZ) angeordnet ist. Die stellt ein hohes Unfallrisiko dar.

Breiten
Radverkehrsanlagen Typen
Radverkehrsanlagen gibt es ca. an 1/3 der Streckenabschnitte, vorwiegend an Hauptstraßen. Teilweise sind sie auch in Nebenstraßen vorhanden (z.B. Fahrradstraßen und nicht benutzungspflichtige Radwege). Nebenstehend die Anteile des Radverkehrsanlagentyps an Strecken mit irgendeiner Radverkehrsanlage.

Breiten Radverkehrsanlagen (RVA)
Der Anteil von Radverkehrsanlagen mit ausreichender Breite liegt bei ca. 60 % (vorwiegend Hauptstraßen).

Breiten Gehwege
Regelkonforme Gehwege sind 2,5 m breit. Aufgrund unterschiedlicher Angaben in Regelwerken wurden für die Analyse 5 Breitencluster erfasst: (1. unter 1 m; 2. von 1-1,8 m; 3. von 1,8-2,2 m.; 4. von 2,2-2,5 m und 5. breiter als 2,5 m): Ca. ¼ der Gehwege sind über 2,5 m breit (Mindestmaß nach RASt). Fast 65 % sind breiter als 1,80 m (Mindestmaß nach RASt ohne Sicherheitsabstände). An 23 % der Strecken sind unzumutbar schmale Gehwege (unter 1,80 m), bzw. gar keine vorhanden (12 %). (Wald-, Feldwege und Fußgängerzonen wurden als Gehwege gewertet).

Breiten Gehwege effektiv
Durch weit verbreitetes Gehwegparken (s.u.) wird die nutzbare Breite der Gehwege stark eingeschränkt. Auf ca. 46 km (12 %) der Strecken werden Gehwege durch Gehwegparken derart eingeschränkt, dass
sie nur noch eingeschränkt nutzbar sind (Breite ohne Parken über 1,80 m, mit Gehwegparken unter 1, 80 m)

Oberflächenqualitäten
Grundlage für die Bewertung der Oberflächenqualitäten ist eine Matrix, anhand derer die Belagsqualität mit Schulnoten bewertet wird. Wege mit wassergebundenen Decken (Schotter) werden in Darmstadt nicht ausreichend gepflegt. Sie sind im Sommer staubig und bei feuchtem Wetter schlammig und rutschig. Sie wurden daher mit Note 5 bis 6 bewertet.
Oberflächen Radverkehrsanlagen
Sehr gute bis befriedigende Oberflächenqualitäten von Radverkehrsanlagen gibt es auf 45 % aller befahrenen Strecken. 12 % aller Anlagen sind nicht zumutbar (Note 5-6). 40 % aller Strecken haben keine Radverkehrsanlagen.

Oberflächen Gehwege
Sehr gute bis befriedigende Oberflächenqualitäten von Gehwegen gibt es auf 63 % aller befahrenen Strecken. 17 % aller Gehwegbeläge sind nicht zumutbar Note 5-6). Auf 13 % aller Strecken sind keine Gehwege vorhanden.

Oberflächen Fahrbahn
Kfz sind im untersuchten Straßennetz zu 4/5 erlaubt. Sehr gute bis befriedigende Oberflächenqualitäten von Gehwegen gibt es auf 77 % aller befahrenen Strecken. Die Oberflächenqualität von Fahrbahnen ist verglichen mit Rad- und Gehwegen um 20 -70 % besser.

Ruhender Verkehr (Parken)
Parken allgemein
An etwa der Hälfte der Streckenabschnitte wird geparkt.

Parken beidseitig/einseitig
An den Straßenseiten, an denen geparkt wird, wird etwa zur Hälfte halbseitig, zur anderen Hälfte beidseitig geparkt.

Art des Parkens
Auf ca. 30 % der Strecken wird regelkonform am Fahrbahnrand (nach StVO), in Parkständen oder legal auf dem Gehweg geparkt (angeordnetes aufgesetztes Parken). Angeordnet aufgesetztes Parken ist in an den befahrenen Strecken mit 2 % ein Ausnahmefall. An fast einem Fünftel (19 %) des untersuchten Straßennetzes wird illegal auf dem Gehweg geparkt.

Parkdichte
An 27 % der Strecken ist der Parkdruck besonders hoch, an 35 % eher niedrig.






