Question Time N°1 – Bismarckstraße

Darmstadt, Bismarckstraße

Die Bismarckstraße, Frankfurter Straße, Willy-Brandt-Platz und Mathildenplatz werden in den nächsten Monaten weiter umgebaut. Die Stadt Darmstadt hat zusammen mit der HEAG Mobilo das aufwendige Projekt DAVIA gestartet.

2016 gab es aufwendige Bürgerinformationen. Auf der verlinkten Seite gibt es jede Menge Info zu lesen. Darunter PDF-Dateien der Planung. Der Willy-Brandt-Platz wird Richtung Herrengarten größtenteils zur Fußgängerzone, der Mathildenplatz teilweise auch verkehrsberuhigt. Eine vielversprechende und gute Planung für ÖPNV und Fußgänger. Der Radverkehr wird beim Umbau jedoch lustlos beachtet. FahrradfahrerInnen werden in Fußgängerzonen und auf Bürgersteigen mit Fußgängern vermischt oder müssen sich auf sogenannten Schutzstreifen bewegen.

Planausschnitt westl. Bismarckstr.
Planausschnitt: Durth Roos Consulting GmbH -2013

Der westliche Teil der Bismarckstraße ist bereits fertig gestellt. Dort gibt es diese Schutzstreifen, die nichts weiter sind als eine dünne, gestrichelt aufgemalte Linie. Autofahrer dürfen diese Linie queren, ausnahmsweise fahren, nicht parken, aber 3min halten. Der ADFC bezeichnet (PDF „Seitliche Sicherheitsabstände“) die Schutzstreifen als Angebotsstreifen, weil der offizielle Name Sicherheit suggeriert, die diese Einrichtung nur bedingt mit sich bringt.

In der Bismarckstraße wurde eine skurrile Situation geschaffen, die nicht für Klarheit sorgt und Radfahrer gefährden könnte. Autofahrer können Radfahrer an einigen Abschnitten nicht überholen, ohne Mindestabstände zu unterschreiten, kommen somit bei Überholmanövern gefährlich nah.

Darmstadt fährt Rad hat bei DAVIA und der Stadt um Aufklärung gebeten. Seht selbst:

Anfrage an DAVIA und das DEZERNAT III der Stadt Darmstadt vom 13.03.2017:

der westliche Teil der Bismarckstraße wurde fertig gestellt. Es gibt mehr Platz für Fahrgäste des ÖPNV. Zugänglichkeit, Barrierefreiheit. Alles ist verbessert worden.

Die Stadt Darmstadt leidet unter der Luftbelastung, fördert den Ausbau des ÖPNV und will ebenso die Nutzung von Fahrrädern ankurbeln. So steht es auf der Webpräsenz.

Mit der Bismarckstraße wurde eine Straße komplett neu aufgelegt. Eine Straße, in der ÖPNV und Fahrrad eine wichtigere Rolle spielt als der MIV. Die Achse ist eine wichtige Verbindung von etlichen Stadtteilen zum Bahnhof und Europaviertel oder von der Waldkolonie in die Innenstadt.  Nicht zuletzt, da die Stadt die Frankfurter Str. nicht aufwertet und bislang noch keine Lösung präsentieren konnte, wie Radfahrer von West nach Ost über den Luisenplatz geführt werden sollen.

Doch wieder einmal wurde der Radverkehr stiefmütterlich behandelt. Prioritäten liegen bei ÖPNV und MIV. Der Radfahrer bekommt eine gestrichelte Linie präsentiert, die als Verbesserung der Sicherheit verkauft wird.

„[…]Auch die Sicherheit ist deutlich verbessert: dafür sorgen die Schutzstreifen für Fahrradfahrer[…]“

Der Schutzstreifen ist nicht durchgängig, zudem gab es vor dem Umbau auch schon einen Schutzstreifen. Die Breite des Schutzstreifens wird in der Planung mit 1,5m bemaßt. Der Rinnstein befindet sich innerhalb dieser Breite. Die Fahrbahn des MIV [motorisierter Individualverkehr] ist 3m breit. Rechts des Schutzstreifens befinden sich auf einem langen Streckenabschnitt Längsparkbuchten.

Der Radfahrer muss eine Autotür Abstand halten von den parkenden Autos. Dieser Abstand (in der Regel 1m, bei LKW mehr) zuzüglich die Breite des Rades (50cm), positioniert den Radfahrer mindestens mit seiner linken Seite über der Linie. Autofahrer müssen mindestens in einem Abstand von 1,50 bis 2,00m überholen. (siehe Skizze fahrendes Auto)

Damit kann der Autofahrer nur auf dem Hochbord der ÖPNV Zone fahren. Ist das so gedacht? Wird sich ein Kraftfahrer daran halten? Oder wird er sich mitunter am Radfahrer „vorbeiquetschen“ bei Unterschreitung der Mindestabstände?

Bei den immer mehr genutzten Lastenrädern/Anhängern mit Kindern in Verbindung mit SUVs müssen auf diese Rechnung ca. 1m hinzugerechnet werden und machen ein Überholmanöver nochmals gefährlicher.

Ich danke im Voraus für die Klärung des Sachverhalts.

 

 

++++++++++++ UPDATE 22.05.2017 +++++++++++++

ANTWORT des DEZERNAT III – 27.03.2017

Das Dezernat III der Stadt Darmstadt gibt zu, dass die umgesetzte die „weniger perfekte Lösung für den Radverkehr“ und „kein Beispiel für eine großzügige Radverkehrsanlage“ sei. Sie sei jedoch „ein gelungenes Beispiel für eine innerstädtische Verkehrsanlage für alle Nutzer“.

Zu dem Sachverhalt des von Darmstadt fährt Rad dargestellten Konfliktes zwischen dem schmalen Straßenquerschnittes und der Führung von Radfahrern auf der Straße vorbei an Längsparkständen, geht das Dezernat davon aus, dass Radfahrende den Abstand (einer Autotürbreite) zu längs parkenden KFZ freiwillig einhalten können und dass KFZ nicht überholen, wenn sie den einzuhaltenden Abstand zu Rädern (1,50-2,00m) nicht einhalten können. Die Erfahrungen von Radfahrenden mit Autofahrern sind anders. Ca. 50% aller Mindestabstände werden unterschritten. Und der Sicherheitsabstand zu parkenden KFZ ist verpflichtend einzuhalten, sonst macht man sich im Falle eines Unfalls evtl. mitschuldig.

Unsere Addition der Abstände wird vom Dezernat nicht akzeptiert. Es ist im Übrigen nicht Darmstadt fährt Rad, die diese Abstände vorgeben, sondern die Rechtsprechung. (OLG Karlsruhe, 14.07.1978 – 10 U 283/77)

Ein Überholvorgang sei eine Ausnahmesituation, Konflikte seien nicht durch technische Mittel lösbar. Um zu sehen, dass das eben doch so ist, genügt ein Blick auf die Niederlande.

Erwähnt wird außerdem, dass beengte Verkehrsanlagen auch zu besonderer Aufmerksamkeit unter den Verkehrsteilnehmern führten.

Auch für uns neu: Das Befahren des ÖPNV-Bordsteins durch KFZ ist übrigens nicht erlaubt, wird aber geduldet.

1 Kommentar

  1. @darmstadtfaehrrad sagt: Antworten

    ANTWORT des DEZERNAT III – 27.03.2017
    Das Dezernat III der Stadt Darmstadt gibt zu, dass die umgesetzte die „weniger perfekte Lösung für den Radverkehr“ und „kein Beispiel für eine großzügige Radverkehrsanlage“ sei. Sie sei jedoch „ein gelungenes Beispiel für eine innerstädtische Verkehrsanlage für alle Nutzer“.
    Zu dem Sachverhalt des von Darmstadt fährt Rad dargestellten Konfliktes zwischen dem schmalen Straßenquerschnittes und der Führung von Radfahrern auf der Straße vorbei an Längsparkständen, geht das Dezernat davon aus, dass Radfahrende den Abstand (einer Autotürbreite) zu längs parkenden KFZ freiwillig einhalten können und dass KFZ nicht überholen, wenn sie den einzuhaltenden Abstand zu Rädern (1,50-2,00m) nicht einhalten können. Die Erfahrungen von Radfahrenden mit Autofahrern sind anders. Ca. 50% aller Mindestabstände werden unterschritten. Und der Sicherheitsabstand zu parkenden KFZ ist verpflichtend einzuhalten, sonst macht man sich im Falle eines Unfalls evtl. mitschuldig.
    Unsere Addition der Abstände wird vom Dezernat nicht akzeptiert. Es ist im Übrigen nicht Darmstadt fährt Rad, die diese Abstände vorgeben, sondern die Rechtsprechung. (OLG Karlsruhe, 14.07.1978 – 10 U 283/77)
    Ein Überholvorgang sei eine Ausnahmesituation, Konflikte seien nicht durch technische Mittel lösbar. Um zu sehen, dass das eben doch so ist, genügt ein Blick auf die Niederlande.
    Erwähnt wird außerdem, dass beengte Verkehrsanlagen auch zu besonderer Aufmerksamkeit unter den Verkehrsteilnehmern führten.
    Auch für uns neu: Das Befahren des ÖPNV-Bordsteins durch KFZ ist übrigens nicht erlaubt, wird aber geduldet.

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