Sanierung der Jägertorstraße in Kranichstein

Ist Darmstadt auf dem Weg zur Fahrradstadt?

Der Zustand der Jägertorstraße zählt zu den großen Mysterien des Straßenbaus dieser Stadt. Seit Jahren gibt es Untersuchungen und Vorschläge für Sanierung und Umbau.[1]  Es ist umso verwunderlicher, dass diese Straße die Haupterschließungsstraße des mehrfach preisgekrönten Stadtteils Kranichstein ist, einer der Stadtteile mit dem größten Anteil an Tempo 30 Zonen der Stadt. Neben der Kranichsteiner Straße als Landstraße, die die Stadt mit dem nordöstlichen Landkreis verbindet, ist nur noch auf der Jägertorstraße Tempo 50 erlaubt.

Zwischen dem nordöstlichen Arheilgen, dem nördlichen Kranichstein und dem Komponistenviertel (Fasaneriemauer) oder Martinsviertel zählt die Jägertorstraße zu den wichtigsten Verbindungen im Nordosten Darmstadts. Nicht nur für die Schüler der Freien-Comenius-Schule ist diese Strecke die direkteste Alternative.

Jägertorstraße

Das Fahrrad hat viel Platz in Kranichstein. Der Ida-Seele-Weg ist trotz seiner Defizite immer noch die beste Radwegeverbindung der Stadt. Schneller als mit dem Auto schafft man es mit dem Rad von Kranichstein zur Eissporthalle. Seit dem Bau der parallel verlaufenden Straßenbahnlinien 4 und 5 zukunftsweisend.

Umso verwunderlicher, dass gerade auf der Jägertorstraße die Belange ungeschützter Verkehrsteilnehmer jahrzehntelang völlig vernachlässigt wurden. Die Straße hat bis heute keinen durchgängigen Gehweg, die vorhandenen Gehwege sind selten gepflastert oder asphaltiert. Ein Radweg war auf dem südlichsten Abschnitt noch nie vorhanden. Die Benutzung des Gehwegs ist auf der Ostseite teilweise freigegeben.

Am 22.05.2019 wurde in einer Stadtteilrunde nun die Entwurfsplanung[2] zum Umbau der Jägertorstraße in Kranichstein vorgestellt. Das Projekt soll Ende 2020 umgesetzt werden.

Bei der Bürgerinformation wurde berichtet, dass vor allem Fußgänger und Radfahrer von den Umbaumaßnahmen profitieren. Zeit für Darmstadt fährt Rad, die Lupe auszupacken und die Planung mit den Augen des Radverkehrs zu checken:

In Zukunft wird auf der Jägertorstraße nur an einem kurzen Abschnitt an der Freien-Comenius-Schule auf 30 km/h nach Planlage ohne bauliche Unterstützung begrenzt.[3]

Wir beginnen im Norden an der Bartingstraße. „Für Autofahrer gibt es die wenigsten Änderungen.“ schreibt das Darmstädter Echo. Das trifft auf den ruhenden Verkehr nur bedingt zu. Hier muss ca. die Hälfte der Stellplätze vor der Kleingartenanlage für den Gehweg und einen Radweg weichen. Das kurze Stück vom Norden bis zum Brentanosee (2) ist das einzige Stück exklusive sichere Radverkehrsanlage, welches bei dem Projekt vorgesehen ist. Auf der Gegenseite wird der gemischt geführte Gehweg gemäß Entwurfsplan weiterhin bestehen bleiben. Die vorgesehene Breite des Radwegs ist im Plan nicht vermerkt.

Auf dem schmalsten Abschnitt zwischen dem Brentanosee und der Elisabeth-Hattemer-Straße kommen schmale Angebotsstreifen (sogenannte „Schutzstreifen“) zum Einsatz.

Der südlichste Abschnitt erhält beidseitig einen Radfahrstreifen in einer gemäß regelkonformen Breite.

Wie werden die Kreuzungen und Einmündungen gestaltet?

Wird es sicherer, gibt es eindeutige Abbiegemöglichkeiten für Radfahrende?

Gemäß Plan sieht es nicht so aus, dass auf Kreuzungen zu den kleineren sekundären Wohnstraßen Fußgänger*innen oder Radfahrer*innen auf gleichem Bodenniveau in die bevorrechtigte Richtung weitergeführt werden. Diese Plateaus sind gerade in Kranichstein in Tempo 30 Zonen zur Verkehrsberuhigung eingesetzt worden (Aufpflasterungen). Sie zwingen Kfz zu niedrigen Abbiegegeschwindigkeiten und senken damit das Unfallrisiko. Im Bürgerhaushalt 2016 wurde schon am Beispiel der Kreuzung mit der Bartningstraße auf überhöhtes Tempo hingewiesen.[4] Das Stadtverordnetenparlament hat zudem beschlossen, dass bei neuen Projekten Nebenstraßen immer aufgepflastert werden. Siehe dazu unserer Beitrag: QUESTION TIME N°9 – Niveaugleiche Radwege

Vollaufgepflasterte Kreuzung. Plateau mit Bremswirkung

Am Knoten am nördlichen Ende (1), taucht der Anschluss an die Bartingsstraße gar nicht mehr in der Planung auf. Völlig unverständlich und mit dem Fokus auf den Kfz-Verkehr ist die Planung des Knotens an der Kranichsteiner Straße (3).

Während bei der Prüfung der unterschiedlichen Möglichkeiten für diese Kreuzung immer wieder die Leistungsfähigkeit des Kfz-Verkehrs im Mittelpunkt stand[5][6], wird der Rad- und Fußverkehr auf dem südlichsten Abschnitt zur Kranichsteiner Straße im Mischverkehr mit dem Fußverkehr geführt. Dieses Vorgehen begünstigt Konflikte mit dem Fußverkehr. Die Platzverhältnisse würden hier eine getrennte Führung zulassen. Der Rad- und Fußverkehr auf der Westseite wird in die Kranichsteiner Straße ohne Not auf einem größeren Umweg geführt.

Der Autoverkehr bekommt wahrscheinlich wieder eine freie Rechtsabbiegerspur mit Dreiecksinsel, die laut der Regelwerke auf innerstädtischen Straßen aufgrund der problematischen Führung von Fußgänger*innen und Radfahrer*innen gar nicht mehr gebaut werden sollen.[7]  Mit diesen Führungselementen werden zudem hohe Abbiegegeschwindigkeiten begünstigt und damit das Unfallrisiko erhöht.

Völlig umständlich ist die Führung von Radfahrenden, die vom Süden von der Fasaneriemauer oder der Kranichsteiner Straße kommend in die Jägertorstraße abbiegen wollen. Der Radverkehr wird über einen ungesicherten Fußgängerüberweg geführt, der ca. 50m nach Osten verlegt wurde, und somit ein deutlicher Umweg in Kauf genommen werden muss. Die momentan noch westlich der Kreuzung vorhandene Querungshilfe ist in der Planung gar nicht mehr dargestellt.

Kreuzung Kranichsteiner Str. – Grafik: Wissenschaftsstadt Darmstadt

Fazit

Das Projekt bemüht sich um Verbesserung für Fuß und Rad. Es begnügt sich jedoch mit Mindeststandards und scheut sich davor, Kfz-Flächen umzuwidmen. Mit zukunftsgewandter nachhaltiger Verkehrsplanung hat es wenig zu tun. Die Herausforderung der beengten Platzverhältnisse kann keine Ausrede für fehlende sichere Radwege sein.

Es gibt keine Straße, die für den Radverkehr zu schmal ist.

Eine Stadt, die Fahrradstadt sein will, hat zur Schaffung von Flächen für das Rad folgende Möglichkeiten für die Umplanung der Jägertorstraße:

  1. Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h auf der gesamten Strecke, vor allem mit baulicher Unterstützung z.B. durch Fahrbahnschwellen (z.B. Berliner Kissen).
  2. Einbahnstraßenregelung für Kfz in Verbindung einer Ringlösung unter Einbeziehen der Bartnigstraße.
  3. Streckenweise Vorfahrtregelung durch VZ 208/308 auf dem schmalsten Abschnitt am Brentanosee. Dadurch geschützte Radführung auf beiden Seiten möglich.
  4. Verbreiterung der Straße durch Flächenzukauf, Stegbauwerk am Brentanosee, etc.

Am 18.06.2019 hat das Stadtparlament durch den Beschluss eines Radstrategiepapiers, dass gemeinsam mit dem Radentscheid Darmstadt entwickelt wurde, zur Fahrradstadt bekannt. Sie hat sich bekannt, Radverkehrsanlagen zu errichten, auf denen alle von 8-108 Jahren Radfahren können.

Ziel ist eine fahrradfreundliche Stadt mit einer einladenden und sicheren
Infrastruktur für alle Menschen, die Radfahren wollen.

Radstrategie – Wissenschaftsstadt Darmstadt

Angebotsstreifen („Schutzstreifen“) sind nicht Teil eines Werkzeugkastens der fahrradgerechten Stadt. Auch wenn das Projekt deutlich älter ist als der Radentscheid, sollte es noch einmal mit der Brille des Radverkehrs betrachtet werden, bevor wieder einmal etwas gebaut wird, das nur durch eine kleine Zielgruppe von Radfahrenden genutzt wird. Am Beispiel Jägertorstraße und Frankfurterstraße hat die Stadt zwei Fallbeispiele auf dem Präsentierteller an dem sie zeigen kann, wie mobilitätswendetauglich sie wirklich ist.


[1] http://leben-in-k6.de/blog/2014/04/21/kreisel-und-ruckbau-jagertorstrase/#more-1519

[2] http://leben-in-k6.de/blog/wp-content/uploads/2017/08/2017-06-jagertorstrase.pdf

[3] http://leben-in-k6.de/blog/wp-content/uploads/2015/08/20150714_protokoll_ig-leben-in-k6.pdf

[4] https://da-bei.darmstadt.de/topic/buergerhaushalt2016#pageid=&number=96

[5] „weder ein Kreisel noch eine Ampelanlage brächten die gewünschte Leistungsfähigkeit zur Abführung der prognostizierten Gesamtverkehrsstärke“ http://leben-in-k6.de/blog/wp-content/uploads/2015/10/20150922_protokoll_ig-leben-in-k6.pdf

[6] https://www.darmstadt.de/fileadmin/PDF-Rubriken/Rathaus/Aemter_und_einrichtungen/61-Stadtplanungsamt/K6_Buergerinformation.pdf

[7] RASt-2006 FGSV 6.3.8.2 Dreiecksinseln

1 Kommentar

  1. […] Mit der Radfahrerlupe schaut die Initiative “Darmstadt fährt Rad” (www.darmstadtfaehrtrad.org) auf den geplanten Umbau/Ausbau der Jägertorstraße in Kranichstein auf der Webseite http://www.darmstadtfaehrtrad.org/?p=2222. […]

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