KREUZUNGSDESIGN DELUXE – Teil 6 Neugestaltung einer großen deutschen Kreuzung

Frisch aus dem Ofen: Schutzkreuzung N°2

Teil 6 – Neugestaltung einer großen deutschen Kreuzung

Der Magistrat und der Ausschuss für Bauen, Stadtplanung, Verkehr und Liegenschaften der Stadt Darmstadt hat nach Durchführung und Auswertung eines Verkehrsversuchs auf der mittleren Rheinstraße am 20. und 27.02.2019 beschlossen (Magistratsvorlage Nr. 2019/0015 – Link inkl. Planung), den Abschnitt derart umzugestalten, dass die Flächen für die Verkehrsteilnehmer neugeordnet werden, und jeder Verkehrsmitteltyp eigene Flächen bekommt.

Die Strecke zwischen Neckarstraße und Grafenstraße konnte nie wirklich die Aufenthaltsqualität bieten, die ein solch prominentes „Vorzimmer“ des Stadtzentrums und des Luisenplatzes haben sollte. Während sich Fußgänger- und Radfahrer*innen dicht vor den Schaufenstern der ständig wechselnden Läden in die Quere kamen, kämpften Kfz-Fahrer*innen auf dem Weg ins Parkhaus, um eine günstigere Parkgelegenheit auf den eigentlich für den Lieferverkehr vorgesehenen Ladeflächen. Man kann sich heute gar nicht vorstellen, dass dieser städtische Teil mal ein Ort war, auf dem man sich gerne aufhält.

Mittlere Rheinstraße gesäumt durch großzügige Gehwege um die vorletzte Jahrhundertwende. (Wikipedia)

Für den Fußverkehr wird zukünftig die gesamte Bordsteinfläche des Seitenraums zur Verfügung stehen. Anstelle einer heute deutlich überdimensionierten Lieferzone und durch die Nutzbarmachung einer halben Fahrbahn wird auch Platz entstehen für den Radverkehr. Zum Schutz der Radverkehrsanlage vor Überfahren, Falsch- und Gelegenheitsparkern, wird ein 2,3m breiter Radfahrstreifen durch Betonpoller geschützt.[1] Für den fließenden Kfz-Verkehr ändert sich nichts. Weiterhin wird es eine nutzbare Fahrbahn geben. Für den anliefernden Verkehr gibt es kurz vor der Grafenstraße eine Zone zum Ausladen.

Die im Bestand befindliche Bordsteingrenze kann zudem erhalten bleiben, was zur deutlichen Reduzierung der Baukosten beiträgt.

Darmstadt fährt Rad hat in diesem Beitrag vor knapp einem Jahr dieses Vorgehen empfohlen. Die Stadt Darmstadt hat sich mit diesen Entwurf beschäftigt und weiterentwickelt. Entstanden ist ein wirklich gutes Ergebnis.

Entwurf Darmstadt fährt Rad, April-2018

Gefunden wurde eine Lösung, die mit wenig baulichem Aufwand eine Straße als Verkehrsader aber auch als Fläche mit gesteigerter Aufenthaltsqualität aufwertet. Eine Straße, die diese Bereicherung wirklich dringend nötig hatte.

Gerade von der Nutzbarmachung des Gehwegs wird zukünftig der Einzelhandel profitieren, der bislang an diesem Straßenabschnitt wenig florieren konnte. Es wird in Zukunft mehr Platz geben für Auslagen und Außengastronomie. Fußgänger werden durch ein Kanalisieren des Radverkehrs auf eigenen Flächen im Seitenraum in Frieden gelassen. Und Platz für Pflanzen und Bäume ist auch noch. Auch der Radverkehr wird deutlich ungehinderter vorankommen und selbst auf der Kfz-Fahrbahn bleiben Behinderungen durch parkende Fahrzeuge aus.

Kreuzung Rheinstraße Ecke Neckarstraße/Kasinostraße


Die Stadt Darmstadt hat den Bereich vor der Kreuzung Rhein-/Neckarstraße vor dem schwarzen Hochhaus mit in den zu bearbeitenden Bereich aufgenommen. Auf der Fläche vor der Ampel wird die Radfahrfurt[2] neu markiert. Dazu wird der Asphalt der gesamten Fläche inklusive der Kfz-Fahrbahnen oberflächig gefräst. Gemäß der Magistratsvorlage werden diese Maßnahmen über das 4x4Mio. €-Radinvestitions-Programm abgerechnet, was aus Sicht des Radverkehrs nicht gerechtfertigt ist. Ein Fräsen der gesamten Breite der Fahrbahn ist keine Voraussetzung für ein Neuanlegen des roten Belags der Radverkehrsanlage im Seitenbereich. Hier muss differenziert werden.

Doch weitaus entscheidender ist das Beibehalten der sogenannten Fahrradweiche[3]. Fahrradweichen führen Radfahrende zwischen den Kfz-Verkehr und stellen keine moderne, sichere und komfortable Lösung für den Radverkehr dar. Wie der Ausschnitt der Planung (s.u. Vorher/Nachher-Schieber) verdeutlicht, bleibt die Radfahrfurt zwischen Geradeausfahrbahn und Rechtsabbiegefahrbahn erhalten. Ergänzt wird ein kurzer Ast, der andeutet, dass Radfahrende auch auf der Rechtsabbiegespur zu erwarten sind. Diese fahren dann jedoch bald im Mischverkehr weiter. Eine Option für ein Linksabbiegen gibt es bei einem solchen Design ebenso meist nur über die Fahrbahnen der Kfz. Man muss sich vorstellen, dass dort auch Kinder fahren?

(Neuentwurf vergrößern. Quelle Planung VORHER: Wissenschaftsstadt Darmstadt, Durth Roos Consulting GmbH)

An Kreuzungen geschehen die meisten Unfälle. An Darmstädter Kreuzungen sind in den letzten 15 Monaten zwei Menschen gestorben, weil LKW-Fahrer sie „übersehen“ haben.

Um zu verdeutlichen wie verrückt eine Führung auf dieser Art Verkehrsanlage ist und wie diese auf Menschen wirkt, wenn sie sich als Radfahrende durch eine 2m breite Schneise zwischen Fahrzeugen beispielsweise LKW bewegt, hat der Volkentscheid Fahrrad in Berlin durch eine Aktion verdeutlicht:

Mit einer spektakulären Aktion zeigt Changing Cities, der Trägerverein des Volksentscheids Fahrrad, wie gefährlich Radwege sein können. Berlin-Mitte, Holzmarktstrasse, 24.11.2018

Dass diese Aktion ziemlich nah an der Realität ist, zeigt Berlins neueste Fahrradweiche, die ebenfalls im Zuge eines geschützten Radfahrstreifens angelegt wurde.

Darmstadt fährt Rad hat mit der Reihe Kreuzungsdesign Deluxe eine Anleitung erstellt, wie eine sichere Führung an Kreuzungen gelingt. Menschliche Fehler können durch das Design der Kreuzung verhindert werden. Kreuzungen können menschen- und vor allem kinderfreundlich gestaltet werden. Radfahrende können auch über große Kreuzungen sicher geführt werden, wenn man dafür sorgt, dass die Sicht auf Radfahrende und Fußgänger*innen verbessert wird, die Gefahr eines toten Winkels reduziert und die Abbiegegeschwindigkeit minimiert wird.

All diese Prinzipien vereint die sogenannte Schutzkreuzung, ein in den Niederlanden erprobtes Design, was auch in den USA und anderen Ländern Schule macht und welches alle Verkehrsteilnehmer berücksichtigt.

Hiermit stellt Darmstadt fährt Rad ein weiteres Gourmetgericht aus der Kreuzungsdesign-Deluxe Küche vor.* Kleine Kostprobe gefällig:

Was ist anders?

  • Rückbau der Freien Rechtsabbieger[4] > verringert die Abbiegegeschwindigkeit
  • Vergrößerung der Gehwege im Seitenraum > mehr Aufenthaltsqualität
  • Steigerung der Kompaktheit der Kreuzung > kürzere Wege auch für den Fußverkehr
  • Steigerung der Übersichtlichkeit der Kreuzung > bessere Sichtbarkeit von anderen Verkehrsteilnehmern
  • Erweiterung von sicheren Abbiegemöglichkeiten für Radfahrende
  • Verkleinerung der Abbiegeradien > Reduzierung die Abbiegegeschwindigkeit
  • Geschützte Radfahrstreifen über die gesamte Kreuzung hinweg
  • Automatisch vorgezogene Haltelinien > verhindert Unfälle mit LKW[5]
  • Automatisch freies Rechtsabbiegen für Radfahrende, als Kompensation zu längerem indirekten Linksabbiegen
  • Leichtes Schwenken der Radwege nach außen, schafft zusätzliche Reaktionszeit und direkte Sicht auf Radfahrende[6]
  • Radverkehr weitergedacht in Richtung Norden (Kasinostraße)
  • Als Extra wurde hier die Erweiterung der Straßenbahn über die Kasinostraße gedacht, als weiteres Mittel zur Reduzierung des MIV[7]

Wenn wir wollen, dass weniger Menschen im Straßenverkehr sterben, müssen wir vor allem die Kreuzungen sicherer machen. Unser „herkömmliches“ System der „Fahrradweichen“ ist weder sicher, noch nimmt es Ängste, noch lädt es Menschen ein, Rad zu fahren.

Wer großartige geschützte Radfahrstreifen kann, kann auch geschützte Kreuzungen. Nur Mut!


Alle Folgen von Kreuzungsdesign Deluxe:
Teil 1 – Einleitung
Teil 2 – Designelemente
Teil 3 – Funktion
Teil 4 – Fallbeispiele
Teil 5 – Neugestaltung einer deutschen Kreuzung

[1] Dieses Konzept der sogenannte Protected Bikelanes – zu Deutsch: geschützte Radfahrstreifen – wird in den USA intensiv umgesetzt. In der Praxis können auf diese Weise sehr einfach umsetzbare Wege für Radfahrende geschaffen werden, deren durchgängige Nutzung durch die Poller langfristig optimiert wird ist. (Sehr günstiges Verhältnis von Kosten-Nutzen.) Außerdem sorgen die trennenden Elemente für ein erhöhtes subjektives Sicherheitsempfinden unter Radfahrenden und steigern somit die Akzeptanz der Radverkehrsanlage. In der Regel werden die Poller als Provisorium verstanden.

[2] Radfahrfurt – Fahrradspur in der Kreuzungszufahrt und auf der Kreuzung selbst. Meist mit Kfz gemischte Flächen, da durch Kfz überfahrbar.

[3] Fahrradweiche=Radfahrfurt

[4] Freie Rechtsabbieger: Rechtsabbiegespur für Kfz, auf der in der Regel ohne Ampel rechts abgebogen werden kann. Freie Rechtsabbieger sollen aufgrund des hohen Unfallrisikos innerstädtisch nicht mehr gebaut werden. Zudem machen sie Fuß und Rad das Leben schwer und verbrauchen viel Fläche.

[5] Studie dazu: Niewöhner 2004: Empfehlung von vorgezogene Haltelinien zur Verhinderung von LKW Abbiegeunfällen.

[6] Studie dazu: Niewöhner 2004: Nach Sichtfelduntersuchungen Empfehlung für größere Furtabsetzung. Geringe Absetzung bedeutet bei rechtsabbiegenden LKW ein sehr hohes Unfallrisiko.

[7] MIV – motorisierter Individualverkehr

*Der Entwurf ist eine Prinzipdarstellung besonders in den Niederlanden typischer Praxis auf die vorliegende Kreuzung und soll Anregung geben. Ein Anspruch auf Volständigkeit besteht nicht.

 

 

 

 

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